
"Soldaten der Menschheit wollen wir sein" Foto u.a. zum ThemaWir sind das Bauvolk der kommenden Welt
Wir sind der Sämann, die Saat und das Feld.
Wir sind die Schnitter der kommenden Mahd,
Wir sind die Zukunft und wir sind die Tat.
Die zwanziger Jahre: meist verbinden wir diese Jahre mit Begriffen wie Charlston, Tanzen, Revuen, aufstrebende Filmkunst. Vielleicht denken wir noch an den Weimarer Parteienstreit und die Inflation und vergessen nur zu leicht das Elend des "kleinen Mannes", d.h. das Schicksal zahlreicher Männer, Frauen und - meist unbeachtet von der Weltgeschichte - auch Kinder war, Millionen junger Menschen lebten in unbeschreiblichem Elend, mit unzureichender Ernährung, verschlissener Kleidung schutzlos den Unbilden der rauhen Jahreszeiten ausgesetzt. Sie hatten kaum Chancen, aus den Häusermeeren der großen Städte zu entfliehen, waren angewiesen auf düstere Hinterhöfe als Spielplätze und lebten in freudlosen engen Wohnungen. Sieben Personen in einer kleinen feuchten Kellerwohnung waren keine Ausnahme! Brauchbares Wohnen, d.h. Platz für alle, gesundes Raumklima, angemessene Kleidung und ausreichende Ernährung, für all das reichte in den Arbeiterfamilien das Geld nur selten. Urlaub war für viele ein Fremdwort. Kindern aus diesen Schichten galt 1927 ein Experiment der sozialdemokratischen "Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde": Zusammen mit Kurt Löwenstein, der nach 1933 aus Deutschland als Jude emigrieren mußte, hatte Andreas Gayk, der spätere SPD-Oberbürgermeister und Vorkriegschefredakteur der Kieler Volkszeitung ("VZ"), im Rahmen der Sozialistischen Jugend "Die Falken" diese Kinderfreundeorganisation gegründet. Auf Initiative von Kurt Löwenstein (er wurde der erste Lagerpräsident) und unter der Organisation von Andreas Gayk fand im Sommer 1927 auf dem Gelände des damals gerade von der Stadt Kiel gekauften Hofes Seekamp in Schilksee, das erste Zeltlager dieser Art statt.
Für dieses Zeltlager waren rund 2300 Arbeiterkinder aus Deutschland, Dänemark, der CSR und Österreich eingeladen. Mit Zügen der Reichsbahn wurden die Kinder in Gruppen zum Kieler Hauptbahnhof transportiert, um hier von Kurt Löwenstein im Empfang genommen zu werden: großer Bahnhof allein aufgrund der großen Zahl der Teilnehmer. Die Anreise der Kinder erfolgte schon am Sonnabend, dem 16. Juli, mit Sonderzügen aus Richtung Hamburg und Berlin bzw. zu Fuß in Gruppen ("Horden" im Sprachgebrauch der Falken), z.T. trafen sie erst am Sonntag, dem 17. Juli, in Kiel ein. Die Akzeptanz der Veranstaltung bei Freunden der Falken und in der Bevölkerung läßt sich schon daran ablesen, daß - nach einer Meldung der Volkszeitung - für die Nacht von Sonnabend auf Sonntag weit mehr Quartiere zur Verfügung gestellt worden waren, als tatsächlich benötigt wurden. Am Sonntagmorgen fand dann mit allen Gruppen eine Begrüßungsveranstaltung in der Nordostseehalle an der Gutenbergstraße statt. Neben den üblichen Ansprachen (Begrüßung durch Jungsozialisten und Rote Falken, Reden von Otto Eggerstedt, 1933 als Nazigegner im KZ ermordet, und Andreas Gayk) standen Gesang und Turnvorführungen der Freien Turner auf dem Programm. Mit Musik und Fahnen an der Spitze, die an ihren Wimpeln erkennbaren Gruppen überwiegend in blaue Hemden ("Kittel") gekleidet, ging es in langen Kolonnen durch die Stadt zur Legienstraße vor das Gewerkschaftshaus. Nach Ansprachen von Andreas Gayk und Kurt Löwenstein ging es per Schiff bzw. zu Fuß nach Seekamp. Da auch Marineboote zum Transport eingesetzt waren und viele rote Fahnen mitgeführt wurden, diese aber in der Marine nicht gerade gern gesehen wurden, mußte frühzeitig Rücksichtnahme auf Andersdenkende praktisch geübt werden: die Fahnen wurden - jedenfalls vorübergehend - eingerollt. Man bedurfte der Marine schließlich auch für den Betrieb der Mannschaftsküchen im Lager.
Von den Seekamper Wohnhäusern aus konnte man auf den nordwestlich des Hofes gelegenen Lagerplatz neben der Torfwiese mit dem alten Flurnamen Appelknüll, schauen, wo Dutzende von großen Mannschafts-Rundzelten aufgebaut und bezogen, eine rote Lagerfahne gehißt und eine Lagerglocke aufgehängt wurde. In den rund 150 Rundzelten schlief man mit den Füßen nah aneinander und mit den Köpfen zum Zeltrand: ein Stern aus den Körpern junger Menschen. Jedes Zelt hatte einen Leiter. Als Leiter eines der Zelte soll ein gewisser Herbert Frahm dabei gewesen sein, der spätere Bundeskanzler Willy Brandt, der im Exil seinen Namen änderte. Die Zelte bildeten Dorfgemeinschaften um das Zelt des Lagerpräsidenten und das internationale Zelt herum. Es gab Küchenzelte und medizinische Versorgung durch Ärzte und Mitglieder des Arbeiter-Samariter-Bundes. Ein Lesezelt stand zur Verfügung und ein eigener Telefonanschluß (Holtenau 237). Das Lagerparlament, aus den Dorfgemeinschaften hervorgegangen, bestand vorwiegend aus Kindern und hatte alle wichtigen Entscheidungen zu treffen. Daneben umfaßte das - selbst aus heutiger Sicht gigantische - Programm sportliche, spielerische und künstlerische Betätigung - letztere unter der Leitung von Nils Brodersen (1895 bis 1971) und Richard Grune (1903 bis 1983), beide in Kiel bedeutende, wenn auch heute fast vergessene Künstler, als solche vor allem im graphischen Bereich tätig. Als wichtigstes Merkmal dürfte aber zu nennen sein: Einübung demokratischer Strukturen ("Kinderrepublik ") mit gewählten "Bürgermeistern" und anderen wichtigen durch Kinder zu besetzenden Posten, wie sie ein Gemeinwesen benötigt. Entscheidungen wurden durch demokratische Abstimmungen gefällt. Das Motto, das über allem quasi schwebte, war im Kern pazifistisch und drückte eine wichtige, später herb enttäuschte Sehnsucht und Hoffnung vieler Menschen dieser Zeit aus: "Nie wieder Krieg!" Es war die Aufschrift der Lagerglocke.
Aus dem Buch von damals (Die rote Kinderrepublik):
"Viele Leute haben gedacht, wir würden
es nicht schaffen. Aber wir haben es doch geschafft! Mit mehr als 2000
Kinderfreunden und Roten Falken marschierten wir in Seekamp ein. 2000 Menschen,
so viele wohnen in einer kleinen Stadt, die wollen alle essen und trinken,
die brauchen ein Dach über dem Kopf, denn in wenigen Stunden möchten
sie schlafen. Wenn man für alles selber zu sorgen hat, dann gibt es
sehr viel zu tun; ihr müßt euch das nicht so leicht vorstellen.
Aber wenn 2000 Rote Falken anfassen, ist alles
nur halb so schlimm. Wir waren froh, daß es endlich losgehen sollte.
Schneller als wir selbst gedacht hatten, war unser Zeltlager aufgebaut.
Als wir in Seekamp ankamen, lag vor uns eine leere Wiese. Bevor es dunkel
wurde, stand eine große Zeltstadt darauf. Stolz wurde die rote Lagerfahne
gehißt. So haben wir in wenigen Stunden die erste Kinderrepublik
gebaut."
Der Tag begann - wie in Zeltlagern aller Zeiten üblich - mit Wecken per Horn, anschließend ging es im Laufschritt an den Höfen Scheidekoppel und Kahlenberg vorbei zum Baden an die Ostsee. Wer danach keinen Hunger hatte, war selbst Schuld: zum Frühstück waren 6 Scheiben Brot pro Kind Verpflegungssatz. Bei dem Nachschub an Nahrungsmitteln zeigte sich allerdings, wie schwierig ein solches Unternehmen in dieser Zeit war: Nach wenigen Tagen wurde die Verpflegung knapp. Der Ausweg: Ein Aufruf an die Bevölkerung. Und sie kamen und spendeten: so gelangten zig Zentner Erbsen, Rhabarber, Kohl und andere dringend benötigte Lebensmittel ins Lager.
Neben den in allen Zeltlagern nötigen Verrichtungen wie Kartoffelschälen, Abwaschen usw. standen auf dem reichhaltigen Programm:
- Hafenrundfahrt mit einem der alten weißen
Dampfer zur Hörn und zum - Feuerschiff
- Strandrettungsübungen mit Ruderrettungsbooten
- Bau eines Steges aus Holz
- Besuche des Lagers durch Schilkseer Bürger
- Spielen auf den - damals noch gut sichtbaren
- gesprengten Resten des altern Forts Herwarth
- Zeichnen, Photographieren und Drehen eines
Films
- gemeinsames Musizieren, vor allem mit Schalmeien
und Geigen
Aus den Parolen des Juli 1927:
"Unser Zeltlager ist eine Republik"
"Die Staatsgewalt geht vom Kinde aus"
"Unsre Kinderrepubliken sind sozial. Einer
hat es so gut wie der andere. Und sie sind
demokratisch: Jeder kann mitbestimmen
und dafür sorgen, daß es noch besser wird."
Aber es mischten sich auch skeptische Töne in den Optimismus:
"Warum ist das in der Republik der großen Leute nicht so?"
Das Ergebnis der Mühen aller Beteiligten: Die Kinder zeigen nicht nur frische Gesichtsfarbe, sie sind gesünder, es gibt kaum Kranke, fast alle haben zugenommen. Doch Seekamp 1927 ist mehr gewesen als ein Erholungszeit für Arbeiterkinder. Die Ziele waren - wie wir heute sagen - sozialpädogogischer Art, was besonders Andreas Gayk am Herzen lag:
- Wecken des Gefühls für Verantwortung
und Gemeinsinn
- Begreifen des Wesens praktischer Solidarität
- Erziehung zu selbstbewußten Staatsbürgern
- Bedingungen des öffentlichen Lebens am
Modell Lager kennenlernen
Karl Rickers, Kieler Journalist und langjähriger Mitarbeiter Gayks bei der Volkszeitung schreibt:
"Die große Leistung des Zeltlagers stellte ... weniger die Lösung technischer oder organisatorischer Probleme dar, obgleich auch dies Respekt verdient, die eigentliche Leistung war vielmehr eine glückliche Kombination von Erholung, künstlerischer Gestaltung, Landschaftserlebnis, Sport und Spiel, und die Übernahme verantwortungsvolle Gemeinschaftsaufgaben."
Aber nicht nur der - leider als wohl allzu vergänglich einzuschätzende, wenn auch sicher nicht völlig vergebens gewesene - Erholungszustand der Kinder kündete von dem Erfolg der Kinderrepublik Seekamp. Manche Sammlung alter Postkarten wird geschmückt durch Karten mit Fotos des Seekamper Zeltlagers, und vor allem gibt es einen alten Film der Nordmark-Film über die denkwürdigen Tage des Sommers 1927 in Seekamp: Schwarzweiß, stumm, 32 Minuten mit vielen Fahnen, kernigen Parolen (Ordnung, Freundschaft, Selbstzucht) und sichtbarem Pathos, wie man es heute kaum noch kennt, es damals aber normal und üblich war. Vor allem zeigt der Film eines: Fröhliche und glückliche Kinder verschiedener Nationen und eine Hoffnung auf Frieden, eine Hoffnung, die sich ein halbes Jahrhundert später für Schilksee und die heutige Zeit erfüllt zu haben scheint.
Bedrückend bleibt aber beim Studium von Film, Fotos und den Texten des Jahres 1927 vor allem dies: Seekamp 1927 war zwar nicht das einzige Zeltlager dieser Art, einzelne folgten, z.B. auf der Rheininsel Namedy, aber schon 1933 kam das endgültige "Aus" für derlei Aktivitäten durch die braune Machtergreifung. Und nur ein gutes Dutzend Jahre nach 1927 wurde ausgerechnet im Fort Herwarth, in dem Kurt Löwenstein - nur 13 Jahre nach Beginn des ersten Weltkrieges - den Frieden beschwor, Krieg und Gewalt geächtet und hoffnungsfrohe Bilder einer neuen Zeit skizziert hatten, das Flugabwehr-Gruppenkommando für den Raum Kiel eingerichtet, auf dem Gelände des Gutes Seekamp junge Männer, Kinder noch und Schüler der Schulen in Kiel und Umgebung zu Marinehelfern eingekleidet, zum Einsatz als Flak-Soldaten vorgesehen. An Ende dieses Einsatzes stand für viele der Tod, Verstümmelung und im günstigen Fall bis ins Alter bleibende schreckliche Erinnerungen. Auch wenn keine Statistik verzeichnet, wieviele der über 2200 Seekamp-Kinder von 1927 als Soldaten oder Zivilisten Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft wurden, so bleibt die furchtbare Gewißheit darüber, daß viele erleben mußten, wie ihre Hoffnungen auf eine bessere Zeit unter Feuer und Trümmern begraben wurden, sie selbst oder ihre Familien gequält, gefoltert, erschossen oder vergast wurden. Und es ist wohl mehr als böse Ironie des Schicksals, daß gerade Andreas Gayk seine beiden Söhne, vermutlich auch Teilnehmer des Seekamper Lagers, als Soldaten im 2. Weltkrieg verlor.
Auch wenn der Traum von einer Gesellschaft, wo alle gleich sind, wo jeder sich das nimmt, was er braucht, und jeder das einbringt, was er kann, so wohl nie verwirklicht werden kann, so muß doch die Kinderrepublik auf Seekamp zusammen mit anderen ähnlichen Aktionen als ein bedeutsamer Schritt zur heutigen Demokratie und zum Frieden in Europa gewertet werden. Es war schon eine eindrucksvolle Leistung, so viele Kinder aus mehreren Ländern zu einer so machtvollen Demonstration für Frieden und Gemeinschaft zusammenzurufen und erfolgreich durchzuführen. Hier zeigte zum ersten Mal Andreas Gayk seine außergewöhnlichen Organisationsqualitäten, die ihn später als OB der Stadt Kiel so berühmt machten.
aus: Pieper-Wöhlk/Wöhlk 725 Jahre
Schilksee Kiel 1999 Copyright der Verfasser